Ausführliche Interviews aus dem VHS Magazin Frühjahr 2026

Interview von Seite 1-2 - mit Yvonne Hobro (1. Kreisrätin des Landkreises Lüneburg), Evelin Tiedemann (Vorsitzende des Aufsichtsrates der VHS) & Eckhard Rodemer (Geschäftsführer der VHS)

 

Wenn Sie an das Thema „Bildung“ denken – welcher Gedanke oder welches Bild kommt Ihnen als erstes in den Sinn?

Tiedemann: Ich habe sofort Afrika vor Augen und insbesondere die christliche Schule in der Nähe von Harare in Simbabwe. Die Schülerinnen und Schüler, die dort nur lernen konnten, wenn für ihren Besuch Schulgeld bezahlt wurde, zeigten einen erheblichen „Wissenshunger“. Mit der Übernahme einer finanziellen Patenschaft konnte ich einem Mädchen den jahrelangen Schulbesuch ermöglichen. In jedem Jahr erreichte mich erneut ein Dankesbrief von ihr.

Rodemer: Ich habe das Bild eines knallroten Doppeldeckerbusses im Kopf, der zu einem Perspektivwechsel einlädt, dem sogenannten didaktischen Doppeldecker. Dieser hat zwei Ebenen, auf denen jede Unterrichtsstunde stattfindet: das Inhaltsdeck und das Pädagogikdeck. Wir versuchen dies in der VHS Region Lüneburg umzusetzen und somit einen Beitrag zum lebenslangen Lernen zu leisten.

Hobro: Es ist nie zu spät und keiner ist zu alt.

Gab es einen Moment in Ihrem Leben, in dem Bildung für Sie sprichwörtlich eine Tür geöffnet hat?

Hobro: Einen einzelnen Moment gab es nicht. Aber ich weiß es jeden Tag zu schätzen, dass ich eine gute Bildung erfahren habe. 

Rodemer: Ja, in diesem Fall der Sprachunterricht, denn ich habe drei Jahre in England gearbeitet und gelebt, so dass die Sprache der Türöffner war und ich auch später in meinen beruflichen Situationen davon profitierte.

Tiedemann: Bildung hat fortlaufend meinen Horizont erweitert und mir ständig neue Türen geöffnet. Mit lebensbegleitendem ständigem Lernen und dem Erwerb neuer Bildungsabschlüsse sowie der Nutzung der damit neu geöffneten Türen, konnte ich meinen Lebensstandard ständig verbessern.

Wo sehen Sie die größte Chance oder vielleicht auch die größte Herausforderung beim lebenslangen Lernen heute?

Tiedemann: Mit der Nutzung und der Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz werden virtuelle Lebensräume geschaffen, die sich immer mehr von den wirklichen Lebensumwelten entfernen und die sozialen Kontakte erheblich einschränken können. Somit kann sich Einsamkeit selbst bei jungen Menschen entwickeln. (…)

Hobro: Es gibt so viele Bildungsangebote, sei es in Präsenz oder auch im Internet. Da kann es sehr schwer sein, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen. Hierauf müssen wir ein großes Augenmerk legen, den Menschen Tools zur Verfügung zu stellen, die sie bei der Suche nach dem passenden Bildungsangebot unterstützen, damit sie sich nicht im Dschungel der Bildungsangebote verlieren.

Rodemer: Wir haben eine heterogene Kundschaft, mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen, auch zum Thema lernen, so dass wir unser Angebot breit aufstellen müssen, um diesen unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden.

Die VHS ist Lernort, aber auch Treffpunkt und Möglichkeitsraum. Was macht die VHS für Sie zu ‚…viel mehr als Lernen‘?

Rodemer: (…) ist es auch ein Ort der Begegnung für unterschiedliche Kulturen und ein offener Ort für unsere Werte, die in unserem Leitbild beschrieben sind.

Hobro: Neben einem tollen Bildungsangebot habe ich in der VHS die Chance, Menschen in den Kursen zu begegnen, die ähnliche Interessen wie ich haben. Mitunter kann sich daraus eine Freundschaft entwickeln, die über den Kurs hinaus Bestand hat.

Tiedemann: Die VHS – Region ist ein Treffpunkt für Jung und Alt. Altersübergreifende Gespräche im direkten Austausch zu den Lernthemen und Fragestellungen des gemeinsamen Lebens mit den anderen Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern erweitern den individuellen Horizont über den angestrebten Wissenserwerb hinaus. (…)

Was wünschen Sie sich für die Bildungslandschaft der Zukunft – gerade mit Blick auf die VHS?

Rodemer: Bildung ist ein Schlüssel für unser gesellschaftliches Zusammenleben und hat damit eine große Bedeutung und verdient eine gesicherte und auskömmliche Finanzierung, um den Bildungsauftrag umsetzen zu können.

Hobro: Dass die VHS ein starker Partner in der Erwachsenenbildung in der Region ist, der den Menschen immer wieder Angebote unterbreitet, die mit der Zeit gehen und den Menschen die Fähigkeiten vermitteln, die sie brauchen, um mit den Herausforderungen unserer Gesellschaft umzugehen.

Tiedemann: Ich wünsche mir, dass Lernräume sich entwickeln, die die direkte Auseinandersetzung zu Themen des Lebens, des allgemeinen Lernens und der beruflichen Bildung ermöglichen. Die Erörterungen in gemeinsamen Runden immer wieder herausfordern und damit demokratisches Lernen fördern.


Interview von Seite 28 - Wie lernt man eigentlich eine Sprache? - eine Teilnehmerin berichtet

 

Welchen Kurs belegen Sie aktuell an der VHS Lüneburg?

Ich belege den Kurs „Italienisch für Fortgeschrittene“ am Mittwochabend.

Seit wann lernen Sie denn schon Italienisch?

Ich lerne tatsächlich schon seit ziemlich langer Zeit und nun schon seit vielen Jahren bei Giovanna Engel. Man wächst ja sozusagen mit dem Kurs, von A1 zu A2 und inzwischen sind wir bei B1 angelangt.

Was macht Ihnen denn besonders viel Spaß beim Sprachenlernen?

Unsere Dozentin ist Muttersprachlerin und besonders spannend finde ich es, wenn sie von ihrer Kindheit in Italien erzählt oder von Familienbesuchen, so dass man dadurch ein bisschen echtes italienisches Leben mitbekommt. Außerdem sind wir als Gruppe im Laufe der vielen Jahre sehr schön zusammengewachsen. Wir haben uns kürzlich zum Beispiel auch privat getroffen und haben italienisch gekocht. Das zeigt ganz schön, dass aus so einem Kurs auch Beziehungen oder sogar Freundschaften wachsen.

Eine Sprache zu lernen ist ja durchaus ein zeitintensives Projekt. Wie passt das in den Alltag?

Bei uns im Kurs ist es so, dass wir fast alle noch berufstätig sind und daher neben dem Beruf oft keine Zeit für Hausaufgaben haben. Wir sind alle regelmäßig im Kurs, aber oft bleibt keine Zeit, um zu Hause viel nachzuarbeiten. Giovanna fängt das aber sehr gut auf und das ist auch das Schöne am Kurs: Dass man sich nicht gestresst oder unter Druck gesetzt fühlt, sondern man kommt schon voran, auch wenn es vielleicht ein bisschen länger dauert.

Gibt es auch Dinge, die Ihnen beim Sprachenlernen schwergefallen sind?

Ja, auf B1-Niveau gibt es zum Beispiel Verbformen, die im normalen Alltag gar nicht üblich sind. Aber auch da ist Giovanna sehr hilfreich. Als Muttersprachlerin weiß sie dann auch zu erklären, dass man diese Form in der normalen Alltagskommunikation in Italien gar nicht benutzt. Wir konzentrieren uns daher mehr auf das, was man auch wirklich für die Kommunikation braucht. Und das ist wichtig. Wenn man allein mit einem Buch oder einer App lernen würde, würde so eine Information ja fehlen. Und dafür ist so ein VHS-Kurs natürlich sehr praktisch.

Haben Sie Ihre Italienischkenntnisse denn schon auf Reisen anwenden können?

Ja, wir fahren natürlich alle gern nach Italien. Da hat sich in unserem Kurs eine Gruppe von 5 Leuten entwickelt und wir sind letztes Jahr auch wieder für eine Woche zusammen in Italien gewesen. Wir bemühen uns dann natürlich nach Kräften, im Café oder im Restaurant viel zu sprechen.

Gibt es einen Tipp, den Sie anderen Lernenden mit auf den Weg geben könnten, wie man eine Sprache effektiver oder leichter lernt? 

Man muss einfach die Scheu verlieren, Fehler zu machen. Manchmal stammelt man vor sich hin und zerbricht sich den Kopf - wie geht’s nun richtig? Und jeder weiß doch eigentlich selbst, dass man Nicht-Muttersprachler versteht, auch wenn die Grammatik nicht perfekt ist. Ich glaube, das muss man sich selbst immer wieder vor Augen halten, dass es kein Problem ist, wenn man mal was falsch macht. Oder auch, wenn man ziemlich viel falsch macht – Hauptsache, die Grundaussage kommt rüber. Die Menschen freuen sich ja, wenn man sich einfach Mühe gibt. Diese Scheu beim Sprechen, die habe ich auch noch ganz doll, trotz der vielen Jahre. Wahrscheinlich ist das so, weil wir in der Schule erlebt haben, dass jeder Fehler zählt und es dann gleich einen Punkt Abzug gibt, aber das ist hier nicht mehr nötig und eigentlich sollte man das wirklich mal ablegen.


Interview von Seite 29 - Pervin Pölleritzer - Eine Reise der Begegnung und des Lernens

 

Wie bist du zu uns an die VHS Lüneburg gekommen?

2021 kam ich zur Volkshochschule, nachdem mich eine Freundin gefragt hatte, ob ich bei einem Kinderprojekt mitwirken möchte. Ziel war es, den Kindern zu zeigen, wie bunt und vielfältig unsere Welt ist – und ich war sofort begeistert. Diese Erfahrung war unglaublich bereichernd und hat mir viel Freude bereitet.

Motiviert durch dieses schöne Erlebnis übernahm ich 2022 den Türkischunterricht. Da ich türkische Wurzeln habe und mein Wissen gern teile, begann ich nach kurzer Vorbereitung, meine Sprache und Kultur weiterzugeben.

Was macht dir im Klassenzimmer am meisten Spaß?

Am meisten Freude bereitet mir im Unterricht die Vielfalt der Menschen, die zu uns kommen. Unsere Teilnehmenden sind motiviert und offen, neue Sprachen zu lernen und andere Kulturen kennenzulernen. Es ist immer wieder inspirierend zu sehen, wie unterschiedlich die Lernenden sind – und wie sehr uns diese Unterschiede bereichern.

Gibt es einen Tipp, den du Lernenden mit auf den Weg geben kannst?

Mein Tipp für alle Lernenden: Gebt nicht auf! Auch wenn es manchmal schwierig ist, lohnt es sich, dranzubleiben. An der VHS geht es nicht um Noten, sondern darum, unser Leben durch Bildung zu bereichern. Jeder Schritt – egal wie klein – bringt uns ein Stück weiter.


Zusätzliches Interview mit einer Sprach-Dozentin

 

Wie bist du zur uns an die VHS Lüneburg gekommen?

Ich habe erst von 1977 bis 1987 an der VHS Hildesheim unterrichtet. Als wir umzogen, habe ich mich gleich mit der VHS Lüneburg in Verbindung gesetzt und konnte wenige Monate später mit meinem ersten Kurs anfangen.

Das heißt, du wolltest gern weiterhin an einer Volkshochschule unterrichten?

Ja, mir hat es in Hildesheim sehr gut gefallen und hier in Lüneburg genauso. Für eine Bildungsinstitution zu arbeiten, die viele Fächer und erschwingliche Bildung für alle anbietet – diesen Gedanken finde ich besonders schön. Und ich genieße die Vielfalt und die Freiheit als Kursleiterin! Ich kann ja selbst die Termine auswählen, meinen Unterricht selbst gestalten… das empfinde ich fast als Luxus. Ich war ja vorher im Schuldienst und da ging es immer um Noten, Klassenarbeiten, es muss ein bestimmtes Curriculum innerhalb eines bestimmten Zeitraums geschafft werden. Es ist hier an der VHS generell eine Tätigkeit mit einer sehr großen Freiheit.

In der Erwachsenenbildung arbeitest du ja auch mit einer ganz anderen Zielgruppe. Hat das für dich auch eine Rolle gespielt?

Ja, die Teilnehmenden kommen ja freiwillig und sind meistens sehr motiviert. Und sie kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen und bringen vielfältige Lebenserfahrungen mit. Es sind unterschiedliche Altersstufen im Kurs vertreten… diese Mischung finde ich immer noch sehr spannend und es macht Spaß, so zu arbeiten. Man lernt Menschen kennen, mit denen man sonst im Privatleben vielleicht nie in Kontakt gekommen wäre. Und ich genieße die freundliche Atmosphäre in der VHS Lüneburg, man bekommt immer Unterstützung, alle sind so hilfsbereit und nett, das ist viel wert. Ich sehe das fast nicht als „Arbeit“ – für mich ist es eher so, als ob ich mich in meinen Kursen mit netten Bekannten treffe, ich unterrichte viele Teilnehmende ja schon seit mehreren Jahren. 

Was macht dir denn im Klassenzimmer am meisten Spaß?

Ich finde die unterschiedlichen Altersgruppen sehr spannend. Mich stellt das immer vor die Frage: Wie bringe ich jemandem etwas bei? Senior*innen haben vielleicht ein anderes Lerntempo als Jüngere und das ist eine interessante Erfahrung. Ich frage mich dann auch immer: Was lerne ich selbst dabei, wie profitiere ich von dieser Erfahrung? 

Das hätte ich dich auch als nächstes gefragt: Gibt es etwas, was du selbst beim Unterrichten lernst?

Ja, ich lerne jede Woche etwas Neues dazu. Zum Beispiel Dinge über Lüneburg oder aus den umliegenden Orten, also sehr viel Lokales. Ich lerne aber auch viel über unterschiedliche Berufe, weil die Teilnehmenden so vielfältige Kenntnisse mitbringen. Es ist immer ein Gewinn. Ich kann wirklich nur jedem raten, die Arbeit als Kursleiter einmal auszuprobieren. 

Fällt dir ein besonders schönes Erlebnis aus einem deiner Kurse ein?

Da gibt es so viele. Besonders schön war mal, dass jemand aus meinem Kurs in der Vorweihnachtszeit seine Gitarre mitgebracht und gespielt hat. Wir haben dann alle zusammen gesungen und man hat richtig gemerkt, wie sich alle miteinander wohl gefühlt haben. Das war so ein Flow-Moment im Kurs. Ich mache es auch immer so, dass wir am Ende des Kurses alle zusammen Kaffee trinken oder mit dem Abendkurs Essen gehen oder wir gehen auf den Weihnachtsmarkt. Solche Dinge sind auch besondere Erlebnisse. Schön finde ich es aber auch, wenn sich jemand am Anfang schwertut mit dem Sprachniveau, aber trotzdem bleibt und es weiter probiert. 

Gibt es einen Tipp, den du Lernenden mit auf den Weg geben kannst?

Wiederholung ist wichtig! Also zu Hause nochmal lesen, was man im Kurs gemacht hat und im altmodischen Stil Vokabeln lernen. Hausaufgaben sind schon sehr hilfreich, aber ich sage meinen Teilnehmenden immer: Jeder macht, wie er kann. Manche Teilnehmende sind beruflich so eingespannt, dass sie einfach keine Zeit für Hausaufgaben haben. Aber deshalb sollten sie nicht wegbleiben. In unserer Generation ist es auch noch so, dass wir das Wort sehen müssen, vielleicht ist das für Jüngere anders. In meinen Kursen sind die meisten Teilnehmenden über 40, das geht bis Mitte 80. Und ich beobachte, dass es gerade den älteren Teilnehmenden besonders hilft, etwas aufzuschreiben – das ist dann, als ob das Gehirn ein Foto macht.


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